Das Verschwinden der Anderen

Dieser Text wurde gekürzt im aktuellen gfk Magazin zum Schwerpunkt Verschwinden veröffentlicht.
Die Diskussion findet am 22.9.2018, 14.00 im AEC / Seminarraum statt, Eintritt ist frei

TEXT: MARIA HEROLD

Die Konstruktion der „Anderen“ und das Kultivieren des „Otherings“ auf gesellschaftlicher, kultureller und politischer Ebene ist gerade für jene wertvoll, die vorgeben, die Anderen verschwinden lassen zu wollen. Ohne die Anderen wären sie jedoch selbst schon längst verschwunden. So wird fleißig weiter konstruiert und tagtäglich überschlagen sich Headlines darüber, dass Andere zu uns wollen, wieder weg müssen, den Arbeitsmarkt gefährden, Sozialleistungen ausnützen, die eigenen Werte zerstören. Es scheint, als würde von allen Seiten das „Wir“ von den „Anderen“ bedroht.
Die Anderen – der beste Sündenbock für politisches Versagen, soziale Unfähigkeit, unmenschliche Ungerechtigkeit. „Verschwinden sollns!“ liest man in sozialen Medien, während krampfhaft nach Exotismen gesucht wird um eine Abgrenzung deutlich zu machen.

So wird es durchaus als positiv empfunden, wenn es Bilder von integrierten „Anderen“ gibt. Das lässt das „Wir“ begreifen, dass es angenommen wird, und der Nachahmung würdig ist. Wobei es immer wieder Beanstandungen gibt, dass das „Wir“ nicht zu sehr von „Anderen“ adaptiert werden soll.
Es wird bewusst darauf geachtet, dass das „Unsere“ nicht genommen wird. Die Angst davor, dass das „Wir“ nicht mehr uns gehört, sondern von „Anderen“ gekapert, benützt und beschmutzt wird, lässt die Frage offen, was das „Wir“ überhaupt ist.
Wird das „Wir“ derzeit als so schwach empfunden, dass es scheinbar so einfach genommen und verändert werden kann? Besitzt es so wenig Eindeutigkeit, dass es nicht fähig ist sich alleine abzugrenzen?
Was fehlt der eigenen Selbstwahrnehmung, dass die Abgrenzung zum Anderen die eindeutigste Definition von uns selbst ist? Oder ist das „Andere“ unserem „Wir“ so ähnlich, dass das „Wir“ keine tatsächliche Abgrenzung mehr erkennt und deswegen in einen panikartigen Zustand verfällt?
Vielleicht verschwinden die Grenzen und eine Postglobalisierungs-Ära nähert sich in der wir alle nach einem neuen „Anderen“ suchen müssen um zu wissen wer „Wir“ sind, um uns selbst wiederfinden zu können?

Auch im Kunst- und Kulturbetrieb setzt man sich derzeit mit der Debatte des „Otherings“ in europäischen Kulturinstitutionen auseinander. Wie wird Kunst und Kultur aus verschiedenen Regionen der Welt präsentiert? Wie zeitgenössisch, wie traditionell, wie exotisch, von wem und in welchem Kontext? Im Rahmen des Creative Europe Projektes „Dis-Othering – Beyond Afropolitan & Other Labels“ veranstaltet kulturen in bewegung dazu eine Gesprächsreihe in Graz, Linz, Wien und St. Pölten.
Die zentralen Themen der Gesprächsreihe „Let’s talk about Dis-Othering – A self-reflection on cultural identity“ sind kulturelle Identitäten und gegenwärtige Praktiken des „Otherings“ in heimischen Kulturinstitutionen.
Die Diskussion in Linz findet in Kooperation mit dem Afrofuturisms Festival der Stadtwerkstatt, kuratiert und organisiert von Sandra Krampelhuber und dem gfk OÖ statt.